ICH BIN VIELE: HINTERGRUND & IDEE
 
 

Das Figurentheaterstück Ich bin Viele beschäftigt sich mit dem mythologischen Bild der Meer- jungfrau. Wir gehen von H.C. Andersens Märchen "Die kleine Meerjungfrau" (1837) aus, das die Auffassung der Figur bis heute maßgeblich prägt.

Die Meerjungfrau bei Andersen versucht vergeblich die Liebe eines Prinzen und damit eine unsterbliche Seele zu erlangen. Sie opfert einer Meerhexe ihre betörende Stimme im Austausch für einen Zauber, der ihren Fischschwanz in Beine verwandelt und ihr das Leben an Land erlaubt. Stumm versucht sie dem Prinzen ihre Liebe verständlich zu machen, er weist sie jedoch zurück. Vor die Wahl gestellt, ihr eigenes oder das Leben des Prinzen zu opfern, gibt sie sich selbst dem Tod hin. Sie endet als Schaum auf den Wogen – ohne Seele.

Die Wahrnehmung der Frau mit dem Fischschwanz oszilliert zwischen liebevoller und unschuldiger Hilflosigkeit sowie animalischer und tödlicher Bedrohung. Andersen integriert diese beiden Aspekte noch in sein Märchen. Seit Disneys Trickfilm "Arielle, die Meerjungfrau" (1989) sind diese Facetten des "Bösen" gänzlich aus der Figur verschwunden. Sie wird vom selbstbestimmten, wandelbaren Subjekt des Mythos, zu einem vom männlichen Blick bestimmten Objekt.

Die Figur ist seit Arielle nicht mehr zum vollen Spektrum menschlicher Empfindungen fähig, sondern agiert eindimensional. Ihre Welt ist eindeutig lesbar und für jeden Konflikt gibt es eine Lösung, bei der zumeist das "Gute" gewinnt. Dadurch verliert die Geschichte ihre Aussagekraft für unser heutiges Leben, das von Wider- sprüchlichkeiten und Ambivalenzen geprägt ist.

Das Märchen von der Meerjungfrau propagiert heute noch das geschlechtspezifische Rollen- verständnis des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Die Anforderungen seines Publikums sind mit der Vielzahl der individuellen Lebens- und Liebes- Entwürfe jedoch vielschichtiger geworden. In der digital wuchernden Bilderwelt von heute sind die phantastischen Elemente des Märchens keine Besonderheit mehr. Als Märchenfigur in den Massenmedien verliert die Meerjungfrau ihre ursprüngliche Anpassungsfähigkeit an den jeweiligen Erzählkontext.

 

In Ich bin Viele erlösen wir die kleinen Meerjungfrau aus dem Märchen Andersens, indem wir es weiter erzählen. Welchen Platz würde die kleine Meerjungfrau heute für sich finden, im Chaos einer fremden Welt?Wir geben der Meerjungfrau ihre Stimme zurück und geben ihr einen Körper. Sie erhält die Möglichkeit ihre Erlebnisse zu verarbeiten und das Ende ihrer Geschichte neu zu erfinden. Opfert sie sich nach wie vor für ihren Prinzen? Wie interpretiert sie die Veränderung der Geschlechterrollen?

Ich bin Viele ist eine Mischung aus Performance, Pop-Konzert, Objekttheater und Figurenspiel. Wir erwecken die Märchenfigur der Meerjungfrau zum Leben und geben ihr die Möglichkeit sich jenseits gesprochener Erzählung darzustellen. Mit Hilfe ihrer neu gewonnenen Beine ist die Meerjungfrau nicht nur in einer ihr fremden Welt gelandet, sie ist auch ihrem eigenen Körper entfremdet. Um sich in ihrer Umgebung verorten zu können, muss sie zunächst ihren eigenen Körper, ihre eigene Identität finden. Ihre Beine sind zunächst nur Wahrnehmungs-Prothesen, fremde Objekte, die sie sich erst zu Eigen machen muss.

Wir folgen diesem Mischwesen aus Mensch und Fisch mit Hilfe von Puppen und Objekten und machen die gesamte Bühne zu seinem neuen Körper. Unterstützt von der Wandlungsfähigkeit der Bühne, dehnt die Meerjungfrau ihren Körper aus: Beine und Fischschwanz können gleichzeitig existieren, die Figur ist vom streng linearen Verlauf ihrer Erzählung erlöst.

Die physische und psychische Entfremdung von sich selbst verbindet die Meerjungfrau mit den heutigen Theaterzuschauern. Jeder kennt das Gefühl der Entfremdung, sowohl vom eigenen Körper als auch von seiner Umwelt. Das Multimedia-Zeitalter hat unsere Wahrnehmung verändert. Unser emotionaler und durch mittelbare Informationen ausgedehnter Horizont übersteigt den unmittelbaren Erfahrungsbereich unseres Körpers und wird uns dadurch fremd. Mit der gesamten Bühne als Körper entsteht für die Meerjungfrau in Ich bin Viele ein Transformations-Raum, der fremde Empfin- dungen und Informationen inkorporiert und sie haptisch erfahrbar macht.

Ich bin Viele konfrontiert die kleine Meerjungfrau mit dem Diskurs heutiger Frauenbilder, ihren Konflikten und ihren Möglichkeiten. Sie entdeckt Seiten der Meerhexe in sich, bei der sie einst ihre Stimme eintauschte. Ihr jahrzehntelanges Schweigen hat sie Worten gegenüber mißtrauisch werden lassen. Nur wenn sie singt, kann sie ihren Emotionen noch freien Lauf lassen. Der Traum der Meerjungfrau hat sich nicht erfüllt und sie ist nicht mehr bereit sich selbst dafür zu opfern. Sie radikalisiert sich. Sie sucht nach neuen Wegen sich zu artikulieren und nach einem neuen Traum.